Ausgangslage
Abbildung: Websniffer zeigt den HTTP-Header eines OXID-Shops, nachdem gezielt ein Fehler provoziert wurde.
Es hat erstaunlich lange gedauert, bis ich den Mechanismus verstanden habe, mit dem OXID Fehler im Shopbetrieb abfängt – oder besser gesagt: kaschiert. In meinem SEO-Alltag lasse ich routinemäßig den Screaming Frog über OXID-Shops laufen und prüfe die Ergebnisse. Erste Erleichterung: keine 500 Internal Server Errors. Alles sauber. Oder doch nicht?
Das zentrale Problem: Fehler, die keine Fehler sein dürfen
Wer sich intensiver mit OXID beschäftigt, stößt früher oder später auf eine unschöne Besonderheit: In sehr vielen Fehlerszenarien antwortet OXID nicht mit einem HTTP-Fehlerstatus, sondern mit einem 301-Redirect auf die Startseite.
Der einzige sichtbare Hinweis ist ein URL-Parameter wie redirect=1 oder redirected=1. Für den normalen Shopbesucher mag das noch erkennbar sein – für Suchmaschinen und SEO-Tools ist es hingegen hochproblematisch.
Diese Redirects bleiben für Shopbetreiber oft lange unentdeckt. Selbst ein Blick in die Webserver-Logfiles hilft kaum weiter, denn die internen Fehler kommen dort schlicht nicht an. OXID sendet bei einer Exception einen formal korrekten 301-Redirect-Header aus – aus Sicht des Webservers also ein völlig legitimer Vorgang.
Exception-Logs: vorhanden, aber unzureichend
Der einzige belastbare Anhaltspunkt ist das OXID-eigene Exception-Log unter:
/log/EXCEPTION_LOG.txt
Dort werden zwar einzelne Fehler protokolliert, jedoch mit einem entscheidenden Mangel: Die betroffene URL fehlt. Damit ist eine saubere Ursachenanalyse nur eingeschränkt möglich.
Hinweis: Wer dieses Verzeichnis noch nicht per Webserver-Konfiguration vor externem Zugriff geschützt hat, sollte das dringend nachholen – bevor er weiterliest.
SEO-Perspektive: Warum das ein Super-GAU ist
Ein Redirect auf die Startseite – ist das wirklich eine gute Idee? Aus SEO-Sicht ist die Antwort eindeutig: nein.
Ein einzelner Programmierfehler kann dazu führen, dass gut rankende, indexierte URLs dauerhaft per 301 auf die Startseite umgeleitet werden. Die Konsequenz: Google ersetzt die ursprünglichen URLs im Index durch die Startseite.
Die entscheidende Frage lautet dann: Für welches Keyword soll die Startseite plötzlich ranken?
Ich verweise an dieser Stelle bewusst auf die bekannten Aussagen aus den Google-Hangouts, unter anderem zu Fragen wie:
- Sollte man 404-Fehler auf die Startseite umleiten?
- Was tun mit stark verlinkten Unterseiten, etwa Pressemitteilungen – per 301 auf die Startseite umleiten oder nicht?
Die Antwort ist in der Regel klar: Nein.
Technischer Hintergrund: 301 statt 302
Besonders kritisch wird das Ganze dadurch, dass OXID nicht etwa einen temporären Redirect (302) setzt, sondern einen 301 Permanent Redirect. Damit signalisiert der Shop eindeutig: Diese Weiterleitung ist dauerhaft.
Im Klartext heißt das:
- Die ursprüngliche URL wird aus dem Index verdrängt
- Ranking-Signale werden (wenn überhaupt) auf die Startseite übertragen
- Die Inhalte der Startseite passen in der Regel nicht zu den Keywords der Unterseite
- Sichtbarkeitsverluste sind die logische Folge
Und das alles kann im Live-System passieren, ohne dass es unmittelbar auffällt.
Was bedeutet das für den Betrieb eines OXID-Shops?
Das Risiko ist real: Im schlimmsten Fall können komplette Rankings verloren gehen – dauerhaft – ohne dass der Betreiber es rechtzeitig bemerkt.
Meine klaren Empfehlungen:
- Konsequente Trennung von Test- und Live-System
- Regelmäßige Crawls mit Screaming Frog (insbesondere Fokus auf ungewöhnliche 301-Zunahmen)
- Kontinuierliche Kontrolle der exception_log.txt
- Bewusstsein dafür, dass ein sauberer HTTP-Status Teil der Qualitätssicherung ist
Fazit
SEO besteht nicht nur aus Wissen, Tools und Erfahrung. Es besteht zu einem sehr großen Teil aus Qualitätssicherung.
Oder anders gesagt: Man kann noch so viel über Rankings, Keywords und Content wissen – wenn das System im Fehlerfall falsche Signale sendet, wird all das innerhalb kürzester Zeit zunichtegemacht.
Gerade bei Shopsystemen wie OXID lohnt es sich daher, die Fehlerbehandlung kritisch zu hinterfragen – bevor Google es tut.