Vibecoding in der Praxis (Part2): Vibecoding mit Antigravity & Gemini

Früher schrieb man Code, heute beschreibt man Absichten. Vibecoding mit Antigravity fühlt sich gleichzeitig nach Befreiung und Kontrollverlust an. Zeit für eine nüchterne Bestandsaufnahme: Was bringt diese Arbeitsweise wirklich – und wo verlangt sie mehr Disziplin statt weniger?

Vibecoding: Zwischen Kontrolle und Delegation

Klassisches Coden fühlt sich vertraut an: Editor auf, Code schreiben, Fehler machen, verstehen, verbessern. Kontrolle entsteht durch Nähe zum Code. Vibecoding stellt dieses Gefühl bewusst infrage. Statt jede Zeile selbst zu schreiben, formulierst du Absichten, bewertest Ergebnisse und greifst gezielt ein. Das kann sich zunächst wie Kontrollverlust anfühlen – oder wie ein Befreiungsschlag.

Meine Erfahrungen mit Antigravity von Google zeigen: Vibecoding ist kein Ersatz für klassisches Coden, sondern ein anderes Denkmodell. Es geht weniger um Tippen – und mehr um Orchestrierung.

Antigravity ist keine IDE – und will auch keine sein

Antigravity will deine gewohnte IDE nicht ersetzen. Die Oberfläche ist bewusst reduziert und optimiert nicht für Refactorings, Tastenkürzel oder tiefe Code-Navigation, sondern für Denk- und Entscheidungsarbeit.

  • Aufgaben strukturieren: Komplexe Probleme in steuerbare Einheiten zerlegen.
  • Kontext halten: Projektwissen konsistent über mehrere Iterationen bewahren.
  • Agenten orchestrieren: KI gezielt für Teilaufgaben einsetzen.
  • Feedback-Loops steuern: Ergebnisse bewerten, korrigieren und nachschärfen.

Der Entwickler agiert hier weniger als Implementierer, sondern als Architekt, Reviewer und Entscheider.

„Ich vermisse meine IDE“ – und das ist völlig legitim

Viele klassische IDE-Funktionen fehlen: keine tiefe Code-Navigation, kein manuelles Feintuning, kein permanentes Gefühl von vollständiger Kontrolle. Für erfahrene Entwickler ist das zunächst irritierend.

Antigravity geht implizit von einer klaren Arbeitsteilung aus:

  • Der Mensch: definiert Ziel, Architektur, Constraints und Qualitätsmaßstäbe.
  • Die KI: erzeugt Code, Struktur und erste Lösungsansätze.

Produktiv wird Antigravity erst, wenn man akzeptiert, dass Detailkontrolle situativ abgegeben und später – oft wieder in der klassischen IDE – zurückgeholt wird.

Der C++-Moment: Extrem schnell – fast zu schnell

Besonders eindrucksvoll ist der Einstieg mit einer C++-Anwendung. Antigravity erzeugt in kürzester Zeit ein lauffähiges Projekt inklusive Struktur, Build-Setup und Startpunkt.

  • Toolchains & Buildsysteme: werden vollständig abstrahiert.
  • Boilerplate: entsteht automatisch.
  • Time-to-First-Binary: wird drastisch reduziert.

Das funktioniert hervorragend bei Greenfield-Projekten. Sobald jedoch Speicherverwaltung, Threading oder Performance relevant werden, reicht Plausibilität nicht mehr aus – hier ist echtes Verständnis gefragt.

Fehler beschreiben statt debuggen

Antigravity verschiebt Debugging von einer technischen zu einer semantischen Tätigkeit. Statt selbst Ursachen zu isolieren, beschreibt man Symptome oder lädt Screenshots hoch – und erhält oft direkt eine funktionierende Korrektur.

  • Sehr gut geeignet: UI-Probleme, Logikfehler, falsche Zustände.
  • Weniger geeignet: Race Conditions, Timing-Probleme, Nebenläufigkeit.

Klassisches Debugging wird nicht ersetzt – aber viele Alltagsprobleme werden massiv beschleunigt gelöst.

Wenn die KI nicht loslassen kann

Ein prägender Moment: Trotz expliziter Zufriedenheit mit der UI beginnt Gemini später erneut, die Oberfläche zu verändern.

Typischer Dialog:

  • Ich: „Die UI passt jetzt. Genau so lassen.“
  • Gemini: „Verstanden.“
  • Später: „Ich habe die Oberfläche leicht optimiert.“

Aus KI-Sicht logisch – aus Entwickler-Sicht problematisch. Begriffe wie „passt so“ sind weich. Finalität entsteht nicht implizit.

Wie man Kontrolle zurückgewinnt

Produktives Arbeiten mit Antigravity erfordert explizite Zustandskommunikation.

  • Klare Verbote: „UI ist FINAL. Keine Änderungen mehr.“
  • Status-Labels: „UI-Status: frozen_ui_v1“

Gerade bei Gemini Flash sind solche Leitplanken entscheidend. Kontrolle entsteht nicht durch Vertrauen, sondern durch Präzision.

Fazit: Produktivitäts-Multiplikator statt IDE-Ersatz

Antigravity ersetzt keine IDE und kein technisches Verständnis. Seine Stärke liegt im schnellen Aufbau lauffähiger Systeme, in der Orchestrierung komplexer Aufgaben und in der Entlastung von Routine- und Reparaturarbeit.

Ich nutze Antigravity heute nicht als Ersatz für meine IDE – sondern als Partner, der mir Denken, Orchestrierung und Reparatur abnimmt. Die Kontrolle behalte ich. Aber ich setze sie bewusster ein als früher.

💬 Chat öffnen
🧠 Support-Chat